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19. Nov. 2010

Rette’t de’n Apo’stro’ph!

Vorwort

Diese Seite soll zum Nachdenken anregen. Der in letzter Zeit zunehmend reichlich und oftmals auch falsch eingesetzte, also missbrauchte Apostroph schreit nach Rettung.

Mein Ohr vernahm seine Stimme, wie andere Ohren auch, und ich ergreife mutig das Wort zur Verteidigung eines kleinen und wehrlosen Satzzeichens.

Hier erfährt man einiges über den Apostroph an sich, seinen Charakter und seine natürlichen Lebensräume. Jeder ist aufgerufen, die zunehmende Verwilderung des Apostrophs eindämmen zu helfen – dem Artenschutz zuliebe.

Wissenswertes über Apostrophe

Die Arten des Apostrophs

Die Gattung der Apostrophe (apostrophus) gehört zur Familie der Auslassungszeichen (substituenteae) und besteht im Wesentlichen aus zwei Arten:

  1. Den Echten oder Geraden Apostroph (apostrophus apostrophus) findet man auf deutschen Tastaturen zwischen dem Ä und der Return-Taste, und er sieht in der Schreibmaschinenform so aus:

    äuß're Freud'

  2. Der gelernte Schriftsetzer liebt diese wilde Form des Apostrophs nicht und hat aus dem Geraden Apostroph den Typographischen Apostroph (apostrophus typographicus) gezüchtet, den man an der leicht eingerollten Haltung oder der leichten Schräglage erkennt (je nach Schriftart). Der Typographische Apostroph sieht einem zu hoch gesetzten Komma nicht unähnlich:

    äuß’re Freud’

Viele Textverarbeitungssysteme können den Geraden Apostroph schon bei der Eingabe gentechnisch in den Typographischen umwandeln. Wer kein solches System hat, erreicht den Typographischen Apostroph auf Windows-Systemen, indem er die ALT-Taste gedrückt hält und auf dem Ziffernblock 0146 tippt.

Die Sexualität des Apostrophs

Nicht jedem ist bekannt, dass der Apostroph ausschließlich als Maskulinum existiert. Das Apostroph gibt es nicht, und die Apostrophen auch nicht:

  Singular Plural
Nominativ Der Apostroph Die Apostrophe
Genitiv Des Apostrophs Der Apostrophe
Dativ Dem Apostroph Den Apostrophen
Akkusativ Den Apostroph Die Apostrophe
Vokativ Du Apostroph! Ihr Apostrophe!

Wie sich Apostrophe vermehren – dass sie das tun, steht außer Zweifel –, ist auf diesem Hintergrund ein noch nicht ganz gelöstes Rätsel. Sehr wahrscheinlich handelt es sich um eine virenartige Vermehrung über Wirtspersonen. Dabei ist der Apostroph in der Regel gar nicht auf exzessive Vermehrung aus, sondern die Wirtsperson selbst forciert sie offenbar.

Immerhin ist diese Hypothese eine schlüssige Erklärung für die erschreckend hohe Zahl an Mutationen.

Allen Angehörigen der Gattung apostrophus ist jedoch gemeinsam, dass sie relativ aufrecht im Wort stehen und wenig Platz verbrauchen. Das ist auch schon das wichtigste Unterscheidungsmerkmal gegen die häufigen Verwechslungen mit anderen Arten.

Verwechslungsmöglichkeiten

Am häufigsten werden die Apostrophe mit Akzenten der Familie der francophonaceae verwechselt:

inn´re Klag´

Genau das überkommt mich nämlich dabei. Das, was du oben siehst, ist ein Akut (accentus acutus) auf einem Leerzeichen. Das hat mit einem Apostroph ebenso wenig zu tun wie der einsame Gravis (accentus gravis), der auch oft einen Apostroph vertreten muss, obwohl das nun schon richtig scheußlich aussieht:

inn`re Klag`

Das ist reine Akzentquälerei! Alle Angehörigen der Gattung accentus, überhaupt alle francophonaceae, sind nämlich sehr gesellige Satzgenossen und sitzen immer an einem anderen Zeichen (é, è, à). Allein fühlen sie sich ebenso unwohl wie Sauerstoffatome. Wenn man sie dennoch in Einsamkeit hält, schlagen sie vor Verzweiflung um sich und reißen mit dem so entstehenden viel zu breiten Zwischenraum das ganze Wort auseinander.

Dabei kann man die accentus-Arten sehr leicht daran erkennen, dass sie immer eine erhebliche Schieflage aufweisen und große Zwischenräume erzeugen – ähnlich, wie man die Knollenblätterpilze (amanita sp.) anhand ihrer weißen Lamellen von den Champignons (agaricus sp.) unterscheiden und auf diese Weise dumme Überraschungen vermeiden kann.

Ähnlich heißt nicht gleichartig

Ich höre schon den nächsten Einwand: „Aber das sieht doch ganz ähnlich aus, wer wird denn so kleinlich sein!“ Darauf drei Antworten:

  1. Wie war das mit den Knollenblätterpilzen?

  2. Es ist Zeichenquälerei, einem Akzent den Lebensraum eines Apostrophs zuzumuten, da beide Gattungen sehr fein auf ihr jeweiliges Umfeld abgestimmt sind und sich in dem anderen niemals wohlfühlen werden.

  3. Denk mal zurück an die japanischen Bedienungsanleitungen der 80er Jahre, deren Autoren der Meinung waren, dass ein großes B oder ein kleines griechisches Beta auch ganz ähnlich aussehen wie ein deutsches ß (das sie nicht hatten) und ungefähr so etwas texteten (frei erfunden):

    daB die heiBe SoBe in das NuBfaB flieBt
    daβ die heiβe Soβe in das Nuβfaβ flieβt

Ich nehme an, das tut jedem deutschen Auge weh. Ebenso weh tut es mir aber, zusehen zu müssen, wie ein wehrloser Akzent als Apostroph-Ersatz herhalten muss, obwohl genügend Apostrophe greifbar wären. Daher mein erster Appell an meine Zeitgenossen:

Bitte verwendet den richtigen Apostroph, kein Leerzeichen mit Akzent!

Kommen wir dann zum nächsten Punkt: Apostroph ja, aber bitte artgerecht  – also nur dort, wo er hingehört.

Die artgerechte Haltung des Apostrophs: Auslassungen

Der Apostroph gehört, wie schon gesagt, zur Familie der Auslassungszeichen. Er hält sich daher gern dort auf, wo ein oder mehrere Zeichen wegfallen; vor allem in der Lyrik passiert das schnell:

nöt’ge
ew’ge
huld’gen
hing’rotzt

(igitt). Gern springt er auch anstelle zu langer Buchstabenschlangen ein, was erstaunlich oft im Zusammenhang mit Fußball zu beobachten ist:

K’lautern
M’gladbach

Das gilt auch für Auslassungen am Anfang oder am Ende, wo mitunter ganze Apostroph-Familien ihr trautes Heim aufschlagen können:

’s ist mir ’ne Ehr’, die Treu’ zu halten

Die mögliche Haltung des Apostrophs: angehängte Artikel oder Pronomina

Es kommt im Deutschen sehr häufig vor, dass an eine Präposition einer der Artikel das oder dem einfach fugenlos angehängt wird: aus „in das“ wird „ins“, aus „unter dem“ wird „unterm“.

In diesen Fällen steht kein Apostroph. Zwar wird etwas ausgelassen, aber die Beziehung zwischen den Wortresten ist schon so eng, dass sie keinen Apostroph mehr zwischen sich dulden:

ins Klo
ans Fenster
zum Licht
unterm Bett

Wenn das Pronomen „es“ an ein Wort angehängt wird, ist in vielen Fällen (außer ins oder ans, wie oben gesagt) ein Apostroph üblich und sinnvoll, muss aber nicht gesetzt werden:

sich’s (sichs) gemütlich machen
ich sag’s (sags) dir

Apostrophenquälerei 1: Der Genitiv-Apostroph

Das scheint aus dem Englischen herübergeschwappt zu sein. Dort wird die Endung -s mit Apostroph abgetrennt, wenn sie den Genitiv bezeichnet:

My sister’s room is in my father’s house

Im Deutschen ist das nicht so. Gabis Zimmer in Peters Haus hat keinen Apostroph, auch wenn mittlerweile viele Leute einen setzen – warum, weiß ich nicht. Es sieht in deren Augen wahrscheinlich schöner aus. Ich scheine andere Augen zu haben.

Nur in einem Fall steht beim Genitiv-s im Deutschen ausnahmsweise ein Apostroph, und zwar dann, wenn der Name auch ohne Genitiv auf -s, -x, -sch oder -z endet, also auf einen Zischlaut. Der Apostroph trennt aber auch dann nicht das -s ab, sondern steht hinter dem -s und zeigt an, dass eigentlich noch ein Genitiv-s folgen müsste, das aber nicht gesetzt wird:

Klaus’ Referat über Marx’ „Kapital“

Einzige Ausnahme: Wenn auf Grund des angehängten -s Missverständnisse möglich wären, ist ausnahmsweise ein Apostroph erlaubt:

Andrea’s Vorschlag

... obwohl auch dieser Fall einklich eindeutig wäre: Kommt der Vorschlag von Andrea, ist es Andreas Vorschlag, kommt er von Andreas, ist es Andreas’ Vorschlag. Es ist nur ein Zugeständnis an apostrophenunsichere Schreiber. Grundsätzlich gilt:

Deutsche Genitive mit -s haben keinen Apostroph.

Apostrophenquälerei 2: Der Plural-Apostroph

Angeregt von den interessanten Wortbildern, die der Genitivapostroph bildet, fing man an, auch das Plural-s bei englischen Begriffen mit einem Apostroph abzutrennen.

Und das ist nun wirklich völlig falsch, weil das Plural-s im Englischen immer ohne Apostroph angehängt wird, eben um es vom Genitiv-s zu unterscheiden.

CD’s mit Song’s und Hit’s

Ein Engländer wird sich dabei an den Kopf fassen, ein Deutscher, der des Englischen mächtig ist, auch, aber für die breite Masse sieht das international aus und ist damit schon mal cool.

Noch schlimmer wird es, wenn man das auch auf deutsche Wörter ansetzt:

Oma’s trinken gerne milde Tee’s oder Kaffee’s

Wenn ich so etwas lese, bekomme ich bei jedem Apostroph einen Schluckauf. Und spucke dabei einen weiteren Apostroph aus. Bitte schont meine Lungen. Zwei Omas sind zwei Omas.

Ein Apostroph bei einem Plural-s ist schlicht falsch.

Apostrophenquälerei 3: Der Imperativ-Apostroph

Die deutschen Verben teilt man, vielleicht erinnerst du dich, in stark konjugierte und schwach konjugierte ein.

Das betrifft auf Umwegen auch den Apostroph. Nun ist es nämlich so, dass der Imperativ, also die Befehlsform, bei schwach konjugierten Verben einfach so gebildet wird, dass die Infinitiv-Endung -en wegfällt: aus rennen wird renn!. (Man kann auch renne! sagen, muss aber nicht.)

Viele Leute scheinen nun das Gefühl zu haben, dass da hinten etwas fehlt, und quartieren daher am Ende des Imperativs einen Apostroph ein:

Lauf’ mal runter und hol’ das Buch.

Das ist leider auch nicht artgerecht. Der Imperativ ist vollständig, da fehlt nichts, und daher ist auch ein Apostroph hier fehl am Platz – es muss heißen:

Lauf mal runter und hol das Buch.

Allerdings ist diese Konstruktion zugegebenermaßen sehr leicht verwechselbar mit dieser:

Lauf’ Er mal runter und hol’ Er das Buch.

In diesem Fall ist der Apostroph richtig! „Lauf“ und „hol“ sind jetzt keine Imperative mehr, sondern Konjunktive („er möge herunterlaufen“), die eigentlich „laufe“ und „ hole“ heißen müssten.

Wenn du es dir nicht zutraust, die (altertümliche) Konjunktivform vom Imperativ zu unterscheiden, dann lass (Imperativ, also nicht lass’) den Apostroph im Zweifelsfall weg.

Imperative haben im Deutschen keinen Apostroph.

(Ich könnte hier eine Rettet-den-starken-Imperativ-Seite einfügen, aber ich lasse es erst einmal. Viele Leute bilden nämlich mittlerweile alle Imperative nach der schwachen Regel, was bei starken Verben grausam klingt: es heißt nicht „Les(e) das Buch“, sondern „Lies das Buch“. Aber das ist nur ein Unterphänomen.)

Apostrophenquälerei 4: Der willkürliche Apostroph

Mittlerweile kann die Freunde der Abhackung des s nichts mehr bremsen. Es soll schon Leute geben, die es keinem s mehr gestatten, sich ohne züchtigen Sicherheitsabstand ...

...an da’s Ende eine’s Worte’s zu begeben.

Flüssig lesen kann man das nicht mehr. Auch an sich harmlose Adverbien und Pronomina werden mit dem Apostroph bis zur Unkenntlichkeit zersägt:

nicht’s
damal’s
freitag’s
morgen’s
unte’rweg’s
alle’rding’s

... und selbst das ist noch steigerbar. Folgende Exemplare von Apostrophenvergewaltigung wurden ernsthaft schon in freier Wildbahn gesichtet:

Weihnacht’szeit
Martin’sgans
Advent’skran’z
Futter’n wie bei Mutter’n
Bauer’nhof
Brahm’s Café

(letzteres steht zu Ehren von Johannes Brahms in Hamburg und wurde vom SPIEGEL mit „Prost, Brahm!“ kommentiert). Den vorläufigen Höhepunkt allerdings bildet der

Düsseldorfer Kios`k

(ja, den gibt's wirklich!) O Herr, lass Hirn vom Himmel fallen!

Der Apostroph hat das nicht verdient. Er will Wörter kürzer machen, nicht länger, und auch das nicht mit Gewalt, sondern behutsam und leicht lesbar.

Bitte seid nett zum Apostroph und lasst ihn nicht mehr ackern als er muss.

Wenn sich die Apostrophe durch künstliche Züchtung und anschließende Verwilderung weiterhin so stark vermehren wie in den letzten Jahren, könnte zudem das sprachliche Ökosystem empfindlich gestört werden, da der Apostroph keine nennenswerten natürlichen Feinde hat!

Link’s – ääh, Links:

Einige Seiten von Leuten, die den Hilferuf des Apostrophs ebenso vernahmen wie ich:

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