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Freizeit in Borås, 12.–27. August 2002

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Die Rede des Lehrkörpers

verbrochen von Volker in einer freien halben Stunde, gehalten auf dem Schwediball

Die erste Hälfte ist natürlich reiner Schwachsinn, aber die zweite ist hinter den schwulstigen Formen durchaus ernst gemeint – wenn ihr euch mal dran erinnert, was wir in der ersten Woche über Freiheit und Lebensgestaltung gesagt haben.

Verehrte Anwesende, sehr geehrte Vertreter unserer Stadt, geschätzter Herr Direktor, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geschätzte Schwediturientinnen und Schwediturienten, verehrteste Eltern!

Angesichts der großen Zeiten, die Sie alle durchlebten, böte es sich an, große Worte zu machen, das Geschehene, das Geschehende und das geschehen Werdende unvergessen zu machen, eine Ilias zu singen auf die tapferen Streiter im Zeichen der PISA-Studie, in deren Gegenwart zu befinden wir uns heute abend glücklich schätzen dürfen. Streiter, die – und das möchte ich hervorheben – im fairen, unblutigen Kampfe die eigene Trägheit überwanden und sich im Verlaufe der vergangenen neun Monate anmeldeten, um sich hier und jetzt einer Lebensphase zu stellen, die noch in vielen Wochen als eine der bedeutungsvollsten ihres Leben gehalten werden dürfte.

Ein Großteil dieser Zeit liegt nun hinter Ihnen, und das das hehre Ziel des Schwediturs ist erreicht, der Parnass erklommen, der Rubikon überschritten: die geradezu übermenschliche Anstrengung der Schwediturprüfung, die jeden Kandidaten in der Fülle des gesamten Umfangs seines Menschseins auf die Probe stellt, um das Edle zu läutern und die Spreu vom Weizen zu scheiden, um nur die Besten der Besten dazu auszuerkiesen, die weiteren Geschicke in die eigene Hand zu nehmen, zu gestalten, zu verändern, wie des Töpfers Hand den weichen Ton formt, um Ewiges zu schaffen – diese geradezu übermenschliche Anstrengung wurde mit vereinten Kräften, durch Bündelung von Energien, durch konsequente und kompromisslose Konzentration auf den Kern, das Eigentliche und Wesentliche, erreicht und siegreich erklommen.

Als weiland Sir Edmund Hillary auf dem Everest stand, kann er, so wage ich zu behaupten, kaum stolzer, kaum von größerem Triumph erfüllt gewesen sein als Sie, die Sie die Schwediturprüfung bewältigt und sich damit in einen Kreis von Menschen emporgearbeitet haben, die wohl von sich behaupten können, Einzigartiges, Unvergleichliches, Großes, ja Unsterbliches geleistet und damit dem Menschengeschlecht ein spirituelles Verdienst erworben zu haben, dessen Höhe weder in Kronen noch in Euro auszudrücken ist, das aber auch dann, wenn materielle Werte nichts mehr bedeuten, einen Wert darstellt, dem kaum ein anderer gleichkommt, handelt es sich doch um einen Titel, um den zahlreiche Menschen ringen, wiewohl sein Erwerb nur einem kleinen Kreise vergönnt ist.

Eine Vorbereitungs - und Schulungszeit von nur zwei Wochen, sage und schreibe zwölfeinhalb Tagen oder exakt 300 Stunden hat Ihrem überragenden Intellekt genügt, um dieses Ziel zu erreichen – und das ist, so denke ich, eine Leistung, die einen donnernden Applaus wohl verdient hat.

Lassen Sie mich zum Schluss kommen.

Zwei Wochen, die aus Ihnen das gemacht haben, was Sie sind. Die Sie nicht unverändert gelassen haben. Die Ihnen viel, ja, vielleicht alles abverlangten: Verzicht auf vieles lieb Gewordene, den heimischen PC, den engeren Familienkreis, das eigene Bett – das alles haben Sie verlassen, um es übermorgen wieder zu erhalten als andere Menschen, als Menschen, die nicht in jeder Hinsicht noch die selben sind. Möge das, was die vergangenen 300 Stunden ausgefüllt und reicht gemacht hat, unauslöschlich in Ihr Leben eingebrannt sein und bleiben als eine Zeit voller Erlebnisse, Ereignisse, neuer Erkenntnisse, durchwachter Nächte – selbstverständlich nur zum Zwecke des Lernens –, neuer Witze, aber vor allem des intellektuellen Fortschritts in Ihren individuellen Schwerpunkts- und Prüfungsfächern. Möge aus allem hier Erlebten eine Bereicherung Ihres Lebens und Daseins erwachsen, die ihresgleichen sucht und die doch niemals erreicht werden wird.

Als Angehörigem des Lehrkörpers sei mir die persönliche Notiz gestattet, dass es mich mit großer Freude erfüllt hat, Sie auf dieser zwar kurzen, aber keineswegs unwichtigen Lebensphase zu begleiten. Diese Zeit ist nun vergangen, mit Ihrem Schweditur sind Sie flügge geworden, fähig, das Leben in die Hand zu nehmen und auch zu meistern. So bleibt mir abschließend nur der Wunsch, Ihre Zeit bei uns möge Ihnen als gute, freudevolle und lehrreiche Zeit im Gedächtnis bleiben.

Im Namen aller Kolleginnen und Kollegen aber darf ich Ihnen, liebe Schwediturientinnen und Schwediturienten, Dank und Anerkennung zusprechen, Dank und Anerkennung für das Gewesene und von Ihnen allen Geleistete. Und ich bin davon überzeugt, dass Sie diese Stätte mit Stolz, Freude und Gewinn verlassen dürfen und dies auch tun werden, wenn morgen der hochmoderne Reisebus vor der Tür stehen wird, um uns alle von unserem verdienstvollen Wirken, unserer fruchtbaren Zusammenarbeit wieder in alle Winde zu verstreuen, auf dass die Saat, die hier gesät wurde, Frucht bringe in aller Welt. Als Menschen, die das Schweditur bewältigt haben, sind Sie zu Großem berufen. Mag Ihnen der Wind ins Gesicht blasen, mag sich manch Hindernis auftun, mag das Leben so manche Überraschung bereit halten: ein Schwediturient, eine Schwediturientin lässt sich nicht unterkriegen, und das nicht zuletzt deshalb, weil wir alle eisern zusammen halten, weil Sie wissen, dass die Freunde, die Sie hier gewonnen, die Lehrer, denen Sie hier vertraut haben, auch weiterhin neben und hinter Ihnen stehen, auf dass wir alle gemeinsam zu Menschen werden, die ihre Welt gestalten und formen und von denen man noch lange sagen wird: „Wie schön, dass ich ihn – dass ich sie – kennen durfte!“

Ich danke Ihnen.