Home1Freizeiten1Anreise nach Hynnekleiv

Freizeiten in Hynnekleiv

Ein An-Reise-Bericht - diesen Text habe ich einmal für das Freizeit-Begrüßungs-Heft geschrieben, das normalerweise nach dem Einsteigen im Bus an alle Teilnehmer verteilt wird


Fakten, Fakten, Fakten

Englandfreizeit 1998, Hinfahrt. Eine Teilnehmerin, völlig perplex: „Wir fahren mit 'ner Fähre?“ - „Ja.“ - „Das ist 'ne Insel?“ - „Ja!“ - „Ooh, cool - können wir da mal drumrumwandern?“

Na gut - dass England noch größer ist als Mallorca, kann ja nicht jeder wissen. Volker ist allerdings schon mal quer durchgewandert (durch England). Zweieinhalb Wochen und einige Blasen hat er dafür gebraucht.

Norwegische FlaggeWie lange man braucht, um durch Norwegen zu wandern, kommt drauf an. An der schmalsten Stelle eigentlich nur ein paar Stunden, von links nach rechts jedenfalls (meine Erdkundelehrerin würde mich schlagen, von wegen rechts und links, aber gerade deshalb!). Von oben nach unten ist Norwegen ziemlich viel länger. Norwegen ist ja praktisch nur Küstenstreifen, und die (landseitige) Grenze nach Schweden, Finnland und Rußland ist immerhin zweieinhalbtausend Kilometer lang. Mehr nicht, weil sie halbwegs gerade ist. Die Fjord-zerfetzte Küste ist nämlich nochmal tausend Kilometer länger.

Mit dem Drumherumwandern wird's also schwierig. Volker hätte mit seinem England-Tempo dafür über ein Jahr gebraucht. Und soviel Proviant für alle haben wir jetzt nicht dabei.

Ein Glück. Sonst würde es in Hirtshals richtig Arbeit geben für alle. Moment, ich denke, wir fahren nach Hynnekleiv - Hirtshals, wo is'n das?

Das ist das Schöne an Norwegenfreizeiten: das Aufwach-Programm im Morgengrauen an der Fähre. Und damit ahnen wir es schon: Hirtshals liegt am oberen (hach!) Ende von Dänemark, von dort geht's auf dem Seeweg weiter.

Nun haben normale deutsche Reisebusse eine Schweineangst vor jeder Seereise, die (an Länge und Seegang) eine Bodenseepassage überschreitet. Schon nach Helgoland schafft's nicht jeder. Und von Hirtshals nach Kristiansand (wo Norwegen anfängt, genau...) sind's 120 Seemeilen, und der Seegang... warten wir's ab. Fakt ist, wir dürfen unseren armen Bus nicht überfordern, sondern gehen ohne ihn an Bord.

Und das Gepäck? Ganz einfach, jeder klemmt sich sein eigenes und eine Fressalienkiste untern Arm und... okay, war nur'n Witz.

Wahr ist: Die Color Line stellt in Hirtshals ein paar überdimensionale Kaninchenställe neben unseren Bus (sie nennen's Container, aber die sehen wirklich so aus), und da laden wir alles rein. Wenn alle mit anpacken, schleppt sich keiner 'nen Wolf, und wir sind schnell fertig. Und wach. Und wenn wir viel Glück haben, landen die Container sogar auf der selben Fähre wie wir. Bis jetzt hat's eigentlich immer geklappt, in Hynnekleiv konnten sich alle die Zähne putzen. Mit der eigenen Bürste.

KristiansandIn Kristiansand holt uns ein echter norwegischer Bus mit einem echten norwegischen Fahrer ab. Das vermeidet Missverständnisse, denn man versteht sich einfach gar nicht und deshalb auch nicht falsch. Außerdem ist der Kurvenstil der norwegischen Straßen nur mit dem der norwegischen Fahrer zu überleben. Holdrio!

Fotografieren durch die Scheibe ist allerdings reine Filmverschwendung, denn die sind selten besonders sauber, und ihr kriegt auch so noch genug Landschaft zu sehen.

Von Kristiansand fahren wir ungefähr eine Stunde. Dann befinden wir uns, wenn wir's nicht verpassen, inmitten einer Ansammlung von drei Häusern, einem Gemischtwarenladen inklusive Postamt und Apotheke, und einem Schullandheim, Leirskole genannt. Das alles bevölkert eine Straßenkreuzung, die drei bis vier Autos stündlich zu sehen kriegt, und heißt Hynnekleiv. Auf sie mit Gebrüll. Aber langsam. Also Gebrüll nach Ansage, sonst bricht das Chaos aus, und das sind die Ureinwohner hier nicht gewohnt.

"Unser" Hauslehrer Terje Pedersen zum Beispiel. Vor ein paar Jahren ist er nach Hynnekleiv gezogen, weil er es in der Großstadt, wo er vorher wohnte, nicht mehr aushielt. Diese "Großstadt", so erfährt man bei näherem Nachfragen, hatte ungefähr 500 Einwohner. In Worten: fünfhundert. Viel zu viele für die norwegische Gemütlichkeit.

In Hynnekleiv ist es sehr gemütlich. Das liegt unter anderem daran, dass die Leute, die hier außer uns noch wohnen (soll's geben, auch wenn wir sie wohl kaum zu Gesicht bekommen!), das so mögen. Diese Leute sind übrigens wirklich sehr freundlich und nett zu Gästen (also uns zum Beispiel) - solange nämlich, wie die Gäste aus Hynnekleiv keine Großstadt machen.

Und wenn es ums Haus gemütlich bleibt, kann es durchaus vorkommen (schon passiert!), dass am hellichten Tag ein kapitaler Elch in aller Beschaulichkeit direkt über unser Grundstück spaziert, und alle, die eben aufs Volleyballfeld wollten, zurück ins Haus sprinten, um ihre Kameras zu holen. Wenn er es außerordentlich gemütlich findet, kann es sogar sein, dass er geduldig wartet, bis sie schussbereit wiederkommen. Und, wer weiß, vielleicht spielt er hinterher sogar eine Runde mit...

In Norwegen ist nichts unmöglich. Nichts. Hier lässt man sogar seine Haustür unverschlossen, wenn man in Urlaub fährt, damit irgendwelche wildfremden Wanderer bei schlechtem Wetter ins Trockene können.

Außer man lebt in der Großstadt.

nach oben