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09. Jun. 2026

Matthäuspassion

von Volker Gringmuth, Februar 2025

Plakat Wiesbaden 2025

Groß …

Natürlich ist das alles Geschmacksache, aber vielen gilt „die“ Matthäuspassion – Texte von Christian Friedrich Henrici „Picander“, Musik von Johann Sebastian Bach – als Königin ihrer Disziplin. Das kann an ihren Ausmaßen liegen, eine Aufführung liegt mit mindestens zweieinhalb Stunden schon in der Größenordnung einer kleineren Wagner-Oper. Zur Zeit ihrer Uraufführung in Leipzig, wahrscheinlich am Karfreitag 1727, ging sie absolut an die Grenzen. Sowohl die Grenzen des damals spiel- und singtechnisch Machbaren, als auch an die Grenze dessen, was dem Publikum zumutbar war. Kurz: Das Teil ist episch!

Aber nicht nur. Es hat viele Gründe, warum dieses Werk auch nach 300 Jahren nicht alt zu werden scheint und Jahr für Jahr dutzendfach aufgeführt wird. Also finde deinen eigenen heraus! Wenn man mal das Oratorium an sich – als größte Form eines geistlichen Singspiels – zu den Vor-Vor-Vorläufern des heutigen Musicals zählt, kommt einem vieles bekannt vor.

Wer mit Oratorien noch nicht viel Kontakt hatte, sich aber auf die Matthäuspassion einlassen will: Hier ein ganz kurzer Überblick, was da auf einen zukommt.

Das Evangelium

Der zugrundeliegende Bibeltext ist selbstredend das inhaltliche und auch formale Rückgrat der Produktion. Der Passionsbericht des Matthäus-Evangeliums (Kapitel 26 und 27) wird nach und nach vollständig vorgetragen, im kernigen Lutherdeutsch der 1720er Jahre, und dabei wurde am Bibeltext nichts verändert. Deshalb steigt er auch etwas rätselhaft ein mit „Da Jesus diese Rede vollendet hatte“ und man denkt schon, man hätte was verpasst – aber gemeint sind damit die im vorangehenden Kapitel erzählten Gleichnisse.

Präsentiert wird das Evangelium zwar nicht szenisch, aber doch in verteilten Rollen:

Der Evangelist
Der reine Prosatext wird von einem ausschließlich dafür abgestellten Tenor als „Secco-Rezitativ“ vorgetragen, das heißt: in schlichtem Gesang mit nur wenig Verzierungen, und die spartanische Begleitung beschränkt sich auf gelegentliche „Stützakkorde“.
Direkte Rede
Direkte Reden einzelner Personen werden von weiteren Solisten gesungen – das sind etwa der Hohepriester, zwei Zeugen im Gerichtsverfahren, oder Pilatus. Am häufigsten lässt sich naturgemäß Christus hören, ein Bass. Im Gegensatz zu den anderen Partien sind seine Beiträge stärker ausgestaltet und mit Streicherteppichen unterlegt.
Turba-Chöre
Jede direkte Rede im Evangelium, an der mehr als zwei Personen beteiligt sind, wird als sogenannte „Turba“ vom Chor gesungen. Hat nichts mit Turbo zu tun, „turba“ ist lateinisch für „Volksmenge“. Das können die Jünger sein, oder die spottenden Zuschauer.

Im Umfang sind die Turbae sehr unterschiedlich: Den Kurzheitsrekord (aller Turbae überhaupt) dürfte der „Barrabam!“-Schrei halten, den das Volk Pilatus entgegenbrüllt, als der fragt, wen er freilassen soll. Bach vertont ihn in der Matthäuspassion kurz und bündig als dreimaligen dissonanten Akkord, dauert keine drei Sekunden. Etwas später ist mit „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“ ein breit ausgestalteter (und ziemlich wilder) Turba-Chor zu hören, nach allen Regeln Bachscher Satzkunst vielstimmig durchgeführt.

Reflexion und Betrachtung

Bestünde die Matthäuspassion nur aus dem Evangelium, wäre sie mit allen Turbae nach 45 Minuten vorbei. Ihre Aufführungsdauer liegt daran, dass der „Film“ immer wieder angehalten wird, um Raum für Kontemplation zu geben, persönliche Betrachtungen oder theologische Ausdeutungen. Auch hier finden wir unterschiedliche Formen:

Choral

Der Choral ist genau das: schlicht und einfach eine Einzelstrophe eines Kirchenliedes (nur einmal sind es zwei Strophen), als Reaktion der heutigen Gemeinde. Am häufigsten (fünf Mal) erklingt die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“, etwas überraschend auch für die Strophe „Befiehl du deine Wege“. Damit’s die Chorsänger nicht zu leicht haben, sind die Chorsätze auch bei gleicher Melodie leicht unterschiedlich gestaltet.

Diese Choräle können verblüffend persönlich werden, wenn etwa auf die bestürzte Frage der Jünger „Herr, bin ich’s?“ unmittelbar eine Choralstrophe antwortet: „Ich bin’s, ich sollte büßen …“. Theoretisch kann die Gemeinde, also das Publikum, die Choräle mitsingen, und zu Bachs Zeiten war das möglicherweise auch üblich. Heute nicht mehr, also Vorsicht. Sie sind in ihrer kunstvollen Satztechnik auch zu schade dazu.

Rezitativ und Arie

Die häufigste Form der Reflexion. Eine Solonummer greift das gerade Erzählte auf und deutet es aus oder schildert eigene Empfindungen dazu. Das Rezitativ als „Intro“ bildet eine Art Sprechgesang, die darauf aufbauende Arie ist dann ähnlich wie in der Oper eine kunstvolle, in sich geschlossene Teil-Komposition mit eigenen musikalischen Ideen, in den Bach-Passionen auch formell sehr vielgestaltig. Meist treten Rezitativ und Arie im Doppelpack auf, aber nicht immer.

Anfangs sind die meisten Arien in Da-capo-Form angelegt. „Da capo“ heißt „von vorn“. Diese Arien bestehen aus einem A- und einem B-Teil, nach dem B-Teil wird in den Noten zurückgeblättert und der A-Teil inklusive Orchestervorspiel nochmal wörtlich wiederholt. Im Laufe des Geschehens wird diese Form seltener, das Tempo zieht an und die Arien gehen „durch“.

In mehreren Nummern ist auch der Chor eingebunden, er kann beispielsweise Zwischenfragen stellen oder einen Choral beisteuern, der wiederum die Arie inhaltlich ergänzt und erweitert. Beispielsweise kommentiert der Tenorsolist in der Gethsemane-Szene: „O Schmerz, hier zittert das gequälte Herz!“, worauf eine Choralstrophe mit einer rhetorischen Frage nachforscht: „Was ist die Ursach aller solcher Plagen? – Ach, meine Sünden haben dich geschlagen!“ In der folgenden Arie beschließt der Solist: „Ich will bei meinem Jesu wachen“, und der Chor bestätigt: „So schlafen uns’re Sünden ein“.

Man merkt’s: Die Texte dieser Solonummern sind durchaus barock und können heute zum Teil übertrieben blumig wirken. Aber sie sind von einer gewissen bodenständigen und sehr persönlichen Frömmigkeit durchzogen, der man sich schwer entziehen kann. „Wiewohl mein Herz in Tränen schwimmt / dass Jesus von mir Abschied nimmt / so macht mich doch sein Testament erfreut: / Sein Fleisch und Blut, o Kostbarkeit, / vermacht er mir in meine Hände!“ Ich finde, das hat was.

Gänsehaut-Garantie gibt’s in der Szene, wo Pilatus zunächst nach dem Grund für die Höchststrafe fragt: „Was hat er denn Übels getan?“, dann Freeze, der Sopran ergreift das Wort und stellt nicht ohne Ironie fest: „Er hat uns allen wohlgetan“, zählt dann einige Beispiele auf und kommt in der Arie zum Schluss „Aus Liebe will mein Heiland sterben, von einer Sünde weiß er nichts“. Während diese auch musikalisch drei Meter über dem Boden schwebende, engelhaft-ätherische Arie noch nachklingt, kracht gnadenlos die Realität rein mit „Sie schrieen aber noch mehr und sprachen: Lass ihn kreuzigen!“ Whaaa …

Chöre (Chorus)

Neben den Turba-Chören und Chorälen trägt der Chor auch dramatisch-reflektierende Elemente bei. Die größten sind der Eingangschor (die „Ouvertüre“ am Anfang) und der Schlusschor am Ende; zudem hat Bach nach Jesu Gefangennahme einen Einschnitt vorgesehen, hier endet der „erste Teil“ mit einer freien Bearbeitung des Chorals „O Mensch, bewein dein Sünde groß“, nicht zum Mitsingen gedacht. Danach kann eine Pause gemacht werden, muss aber nicht. Bach hat das Werk nicht als Konzert aufgeführt, sondern im Gottesdienst eingesetzt – der erste Teil kam vor der Predigt, der zweite danach.

In weiteren dramatischen Chören äußert sich Mitleid oder Wut über das Geschehen („Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden? Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle!“). Da geht dann mal richtig die Post ab.

Dramaturgie

Groß ist die Matthäuspassion nicht nur in der Länge (zeitlich), groß ist sie auch in der Breite (Aufwand). Denn sie ist nicht für einen Chor und Orchester konzipiert, sondern gleich für zwei Chöre, jeweils mit eigenem Orchester! In der Praxis heißt das: Die Kantorei teilt sich auf.

Chor I und Chor II stehen separat auf dem Podium, gleich groß, einer links, einer rechts. Sie nehmen in der Darbietung unterschiedliche Rollen ein: Chor I steht für die Zeitzeugen des Passionsgeschehens, die „Tochter Zion“ – ja, genau die, die sich Weihnachten noch so freuen sollte. Chor II steht für die heutige Gemeinde, der die Geschichte erzählt wird und die darauf reagiert. Diese Rollen gelten vor allem für die freien Chöre, ansonsten werden sie nicht streng durchgezogen: In vielen Turbae sind die zwei Chöre einfach gleichauf im Dialog miteinander und erzeugen einen räumlichen Klangeffekt. Für die Choräle verschmelzen sie zu einem großen Chor.

Und jetzt noch eine Überraschung, ich habe gerade untertrieben: Üblicherweise machen in der Aufführung sogar drei Chöre mit! An zwei Stellen hat Bach eine zusätzliche gesangliche Stimme eingearbeitet, er nennt sie „Soprano in ripieno“. „Ripieno“ ist das Gegenteil von „solistisch“, also gewissermaßen „Teil des Orchesters“. In der Urfassung war das tatsächlich eine Instrumentalstimme, heute wird sie üblicherweise von einem Knabenchor übernommen (was zu Bachs Zeiten nichts Besonderes gewesen wäre). Ihren wesentlichen Auftritt hat sie im Eingangschor. Da führen die Chöre I und II einen wehklagenden Dialog („Sehet – Wen? – den Bräutigam, seht ihn – Wie? – als wie ein Lamm“), und sobald das zum ersten Mal wiederholt wird, ergänzt der Ripieno-Sopran darüber noch die Choralzeile „O Lamm Gottes, unschuldig / am Stamm des Kreuzes geschlachtet“, nach und nach kommt die gesamte Strophe, und der Ersthörer registriert erstaunt, dass er es nicht nur mit einer dramatischen Einleitung zu tun hat, sondern mit einer riesigen Choralfantasie. Dies markiert auch gleich den inhaltlichen Kern der Matthäus-Schilderung: das stellvertretende, von der gesamten Menschheit verursachte Leiden des einzigen Unschuldigen.

Überhaupt der Eingangschor – irre. Wie das unaufhaltsam zum Finale eskaliert, wo sich beide Chöre vereinigen im „Sehet ihn aus Lieb und Huld / Holz zum Kreuze selber tragen“, darüber im Ripieno der abschließende Ausruf „Erbarm dich unser, o Jesu!“, und dann noch als Sahnehäubchen dieser epische Nonenvorhalt im Chorsopran, auf den ich mich schon die ganze Zeit freue. Danach falle ich immer aufs Sofa und denke: Mehr Musik brauche ich einklich gar nicht für einen Abend …

Eastereggs

Wer tiefer einsteigt, findet hier und da verblüffende Details, die kein Zufall sein können. Dafür ist es praktisch, in den Notentext zu schauen. Scans alter Ausgaben gibt’s rechte- und kostenfrei im Netz.

Ein bekanntes Beispiel ist die Stelle, wo die Jünger durcheinanderfragen: „Herr, bin ich’s?“ [der dich verraten wird?] Ein vierstimmiger Turba-Chor, in dem diese Frage genau elf Mal vollständig gestellt wird (das „bin ich’s“ wird öfter wiederholt). Das ist natürlich einfach zu deuten: Elf der zwölf Jünger fragen, der zwölfte guckt betreten auf den Boden, vielleicht auch frech in die Runde – der weiß es schon. Solche Zahlenspielereien hat Bach geliebt.

In einer anderen Turba verspotten die Hohenpriester den Gekreuzigten und zitieren ihn am Ende ironisch mit „Ich bin Gottes Sohn“. Überraschend vereinigen sich für diese fünf Silben sämtliche Chor- und Orchesterstimmen zum Unisono, es wird also komplett einstimmig, zum ersten und einzigen Mal im ganzen Werk. Als würden alle Elemente diese spöttische Bemerkung augenblicklich faktchecken: Ja, da habt ihr sogar recht, er ist es wirklich!

Die Arie „Ich will dir mein Herze schenken“ wird von einem charakteristischen blubbernd-aufsteigenden Sechzehntelmotiv begleitet, das wortwörtlich davor schon einmal als Untermalung mehrfach zu hören ist, als Christus im Abendmahl den Jüngern den Kelch reicht. Man kann sich dieses Motiv gut als melodische Darstellung einer gebend ausgestreckten Hand vorstellen.

Und wo wir gerade bei Arien sind: Ein Kuriosum für sich ist die sogenannte „Küchlein-Arie“. Meist gehören, wie gesagt, Rezitativ und Arie inhaltlich zusammen, hier aber stehen sie geradezu in diametralem Gegensatz! Kontext: Christus hängt am Kreuz in seinen letzten Atemzügen und wird nach Kräften verspottet und ausgelacht. Das Rezitativ „Ach Golgatha, unsel’ges Golgatha!“ greift diese Situation mit fast schon übertriebener Empathie auf. Die folgende Arie „Sehet, Jesus hat die Hand, uns zu fassen, ausgespannt“ dagegen ist geradezu ein fröhliches Tanzlied, mit frechen Synkopen und bierzelttauglichem Wechselbass, jeden Moment könnte der Chor zu schunkeln beginnen. Inhaltlich werden hier die gewaltsam ausgestreckten Arme des Gekreuzigten zur einladenden Geste umgedeutet, zur Rettung für alle Welt. Dazu zitiert das Orchester auch noch charakteristische Figuren aus dem Choral „O Mensch, bewein dein Sünde groß“ eine Stunde vorher – Jesu ausgestreckte Hand wird damit zur Antwort auf die große Sünde erklärt, die nicht länger beweint werden muss.

Und so weiter.

Also dann!

Eine der besten erhaltenen Handschriften der Matthäuspassion stammt von Bach selbst, in Reinschrift, der Evangelientext ist darin auffallend mit roter Tinte geschrieben. In keiner anderen Bach-Handschrift findet sich so was. Dieses beste erhaltene Bach-Autograph überhaupt zeigt, dass Bach diese Passion als eines seiner wichtigsten Werke betrachtete, zum Kern seines gesamten Schaffens zählte.

Das allein kann doch schon ein Grund sein, sie mal „live in concert“ zu erleben.

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