Bergtour

Die Helvellyn-Alternative

Bitte nur bei wirklich gutem Wetter gehen! Der Weg ist zwar schön, aber Striding Edge ist nicht ganz einfach und bei Regen bestimmt kein Spaß. Vom Grisedale Tarn nach Patterdale kann man auf diesem Weg mit Pause auf dem Helvellyn gut vier Stunden rechnen.

Der Aufstieg ist nur am Anfang heftig, ein Serpentinenweg führt auf den Dollywaggon Pike. Hier der Rückblick auf Grisedale Tarn.

Der Weg führt westlich knapp unterhalb des Gipfels von Dollywaggon Pike entlang, mit hinreißend schönem Bergpanorama. Der „breite“ Berg im Mittelgrund ist der Ullscarf – dahinter liegt das Tal, durch das wir von Stonethwaite aufgestiegen sind; der Sattel an seiner linken Seite ist Greenup Edge. Und der höchste Berg links am Horizont, „über“ Greenup Edge, ist jetzt der Scafell Pike, Englands höchster Berg. Der steil aufragende Berg rechts davon ist Great Gable.

Von hier an ist der Weg bis Helvellyn ein leichter Spaziergang.

Wenig später kreuzen wir den Nethermost Pike (rechts außen), ebenfalls knapp unterhalb des Gipfels, und sehen den Helvellyn zum ersten Mal – auf der Westseite eine flache Kuppe, nur seine Ostseite fällt steil zum Red Tarn ab.

Der Ausblick vom Helvellyn ist einer der großartigsten im gesamten Lake District. Zwar stehen wir nicht auf dem höchsten Berg des Lake District überhaupt, aber doch auf dem höchsten in weitem Umkreis. Der Berg links ist der Catstycam (oder Catstye Cam, es gibt verschiedene Schreibweisen), der See im Vordergrund der Red Tarn; wir blicken über Ullswater nach Nordost in die weite Ebene bis zu den Pennines.

Richtig heftig wird’s erst jetzt. Der Grat Striding Edge selbst ist weniger das Problem, aber er liegt noch runde 150 Fuß unter uns, was erst mal einen kräftigen Abstieg erfordert. Stellenweise gibt es einen Weg, aber dazwischen gibt’s auch schöne Kletterstellen. Der Fels ist schön griffig und zerfurcht, das Klettern fällt leicht. Aber aufpassen muss man schon! Der „faltige“ Berg rechts ist der St Sunday Crag – die südliche Alternativstrecke.

Rückblick von Hole-in-the-wall, wo der Abstieg nach Patterdale beginnt (auf einem langen, steinigen und immer noch relativ steilen Weg). Der gezackte Grat und der Abstieg vom Helvellyn sind gut zu sehen.

Noch etwas Lyrik gefällig? Ich sag’s erst jetzt, dass es hier schon schlimme Unfälle gegeben hat. Zum Beispiel ist 1805, als die Kultur die Bergwelt zu entdecken begann, der Maler Charles Gough von Striding Edge zu Tode gestürzt. Sein Leichnam wurde erst drei Monate später zufällig gefunden und bis dahin von seiner treuen Hündin bewacht. Vielleicht ist dir auf dem Weg zum Abstieg seine Gedenktafel aufgefallen. Und wieder war es Wordsworth, der daraus ein Gedicht gemacht hat, das genau hier auf dem letzten Bild spielt (übersetzt von mir, Original kannst du ergoogeln):

Treue

Gebell dringt an des Schäfers Ohr –
ein Hund, ein Fuchs vielleicht?
Er schaut sich um in Fels und Stein,
so weit sein Auge reicht.
Da schau! Bewegt dort hinten nicht
das Farnkraut sich im hellen Licht?
Ja klar! Da lugt im grünen Fleck
ein Hund aus einsamem Versteck!

Der Hund ist sicher nicht von hier,
das wird dem Schäfer bald schon klar;
bewegt sich scheu und ungelenk
und bellt so sonderbar!
Und dennoch ist kein Mensch zu seh’n,
im Tal nicht und nicht auf den Höh’n.
Kein Ruf, kein Pfiff die Stille stört –
wo dieser Hund wohl hingehört?

Er steht im Kar, dem Kessel weit,
im Juni liegt hier oft noch Schnee.
Ein schroffer Abgrund himmelhoch,
davor ein stiller See.
Weit ist’s im Schoße des Helvellyn
Von Straßen, Häusern oder Ställen,
von Pfaden, Wiesen, Ackerland –
weit von des Menschen Fuß und Hand.

Nur ab und zu ein Fischlein springt,
belebt das kahle Einerlei,
und über Felsenklippen dringt
der heis’re Rabenschrei.
Mal sich der Regenbogen zeigt,
dann wieder Nebel finster steigt,
Dann mit Gebraus ein Sturm weht her,
der gerne noch viel schneller wär’,
hielt’ nicht der Berg ihn auf, so groß und schwer.

Der Schäfer böse Ahnung spürt
und macht sich auf die Suche dann,
durch Stein und Fels, dem Hunde nach,
so schnell er eben kann.
Und bald schon auf dem harten Land
Er eines Menschen Knochen fand.
Ein Schreck ihm durch die Glieder fuhr:
Was war denn hier geschehen nur?

Dort von den Felsen hoch und steil
ist er gestürzt ins tiefe Kar!
Und als der Schäfer sich besinnt,
da wird’ ihm alles klar:
Jetzt fällt ihm ein des Mannes Nam’,
und wer er war, woher er kam,
sogar den Tag, an dem er ihn
sah frohgemut zu Berge zieh’n.

Doch hört: Ein Wunder ist gescheh’n
Inmitten all der Traurigkeit!
Ein Wunder, dem ein Denkmal ich
gern setz für alle Zeit.
Der Hund, der immer noch zur Stell’
und hören lässt sein scheu Gebell –
der Hund, der hat ein Vierteljahr
gewohnt in diesem kargen Kar.

Es kann kein Zweifel sein, dass seit
der Unglückliche hier verblich,
der Hund ihm treu die Wache hielt,
nicht von dem Herrchen wich.
Wovon er sich ernährt, getränkt –
das weiß nur, der die Liebe schenkt,
und dies Gefühl, so groß und stark,
Wie nie ein Mensch ermessen mag!

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Text und Fotos ©Volker Gringmuth 1996–2015